Forscher sind sicher, dass die Lockdown-Maßnahmen richtig waren

Noch immer nehmen die Debatten über den Lockdown kein Ende. Einige würden gern weiter bremsen, anderen gehen die Lockerungen zu langsam. Doch was war notwendig. Eine aktuelle Simulation zeigt nun, welche Beschränkungen was im Kampf gegen das Virus gebracht haben.

Vermutlich interessieren sich sonst selten so viele Menschen für mathematische Modelle wie in der momentanen Situation. Es werden Szenarien modelliert und gerechnet. Es soll herausgefunden werden, ob der Lockdown so streng sein musste oder etwa sanftere Beschränkungen gereicht hätten. Und haben die Maßnahmen überhaupt etwas gebracht?

Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut ist genau diesen Fragen nachgegangen. Mit Kollegen vom Göttingen Campus hat sie vorgerechnet, welche Auswirkungen die Corona-Maßnahmen bislang hatten. „Wir können zeigen, dass alle drei Maßnahmenpakete die Zunahme der Infektionen klar bremsen konnten. Aber erst durch das weitreichende Kontaktverbot gingen die Fälle dann deutlich zurück“, erläuterte Sie dem „Spiegel“.

Diese Maßnahmenpakete wurden untersucht:
1. Generelle Absage von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern, um den 9. März
2. Schließung der Schulen, von Kinderbetreuungseinrichtungen und den vielen Geschäften, um den 16. März
3. Erlassen von Kontaktsperren und Schließung aller nicht essentiellen Geschäfte, um den 23. März

Damit sollte die Wachstumsrate der Infektion reduziert werden, so die Forscher. Mit einem entsprechenden Zeitverzug werden die Wachstumsrate negativ sein, die Zahl der Neuinfektionen sinken.

Das brachten die einzelnen Maßnahmen konkret

Mit einer Verzögerung von zwei Wochen lassen sich die verschiedenen Auswirkungen der Corona-Regelungen beurteilen. Unterschiedliche Faktoren sind dabei zu berücksichtigen: die Inkubationszeit, Zeit bis zum Test, Zeit bis zur offiziellen Meldung.

Nun wurden Szenarien auf der Basis der verschiedenen Maßnahmenpakete von den Forschern berechnet. Und so habe sich die Wachstumsrate (null Prozent = Reproduktionszahl von 1) entwickelt:

1. Großveranstaltungen wurden abgesagt: Laut der Computersimulation sank die Wachstumsrate der Virusverbreitung von rund 30 Prozent auf gut 12 Prozent.
2. Schul-, Kita- und Geschäftsschließungen: Wachstumsrate fällt auf rund 2 Prozent.
3. Durch die Kontaktsperren sank die Wachstumsrate auf etwa -3 Prozent.

„Die ersten beiden Interventionen milderten die Ausbreitung von Covid-19 in Deutschland, indem sie die Wachstumsrate drastisch reduzierten, aber die Ausbreitung blieb exponentiell“, schreiben die Forscher dazu. Somit zeigt sich, dass weniger Lockdown nicht ausgereicht hätte. Priesemann weiter: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass tatsächlich das volle Ausmaß der Interventionen zur sozialen Distanzierung notwendig war, um die Welle so schnell abflachen zu lassen.“

Maßnahmen kamen noch rechtzeitig

Häufig taucht das Argument auf, dass bereits vor den Kontaktverboten die Reproduktionszahl unter 1 gesunken wäre. Somit käme man zu dem Schluss, dass die Intervention unnötig war. Vom Robert-Koch-Institut erfährt man dazu, dass die schon vor dem 23. März unter 1 gesunkene Reproduktionszahl darin zu finden ist, „dass bereits vorher das öffentliche Leben zurückgefahren worden ist“, etwa durch die Absage von Großveranstaltungen. Um diesen Wert unter 1 zu halten bzw. zu stabilisieren, helfe das Kontaktverbot. Nach Priesemanns Berechnungen wurde in Deutschland noch rechtzeitig reagiert. Die Simulationen zeigen, dass mehr als 30.000 Neuinfektionen pro Tag möglich gewesen wären, hätte man nur fünf Tage später die Maßnahmen eingeführt.

Kamen die Lockerungen zu früh?

Dank der dritten Maßnahme liegt die Wachstumsrate noch immer nahe Null, ist aber ein sensibler Punkt, so die Forscher. Allein ein „kleiner Anstieg in der Wachstumsrate könnte die Dynamik hin zu einem instabilen Zustand mit exponentiellem Wachstum verändern“.

Die Neuinfektionen müssten weiterhin mit wachem Blick betrachtet werden. Man sei schließlich rund „zwei Wochen blind“ für mögliche Verschlechterungen. Daraus könne sich schnell ein exponentieller Anstieg ergeben, wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasse. Daher auch die Warnung der Forscher: „Es ist wichtig, nur über Lockerungen der Restriktionen nachzudenken, wenn die Zahl der aktiven Fälle so niedrig ist, dass ein Zwei-Wochen-Anstieg das Gesundheitswesen nicht vor ernsthafte Probleme stellt.“

Der Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann ist der Meinung, dass Bund und Länder zu früh Lockerungen beschlossen haben. Er gehört zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, die ein gemeinsames Statement unterzeichnet haben. Sie denken, dass die Lockerungen zu früh kamen und eine langsamere Öffnung forderten.

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