Großbritannien verabreicht Corona-Impfung anders als empfohlen

Großbritannien setzt mit seiner Impfstrategie auf Geschwindigkeit und übergeht dabei die Warnungen des Herstellers Pfizer. Damit möglichst viele Menschen zeitnah geimpft werden können, wird das begehrte Präparat anders verabreicht als empfohlen.

Weil der Impfstoff gegen das neue Corona-Virus knapp ist, hat sich die britische Regierung dazu entschlossen, den Zeitraum zwischen erster und zweiter Impfdosis zu vervierfachen. Mit dieser Strategie möchte man möglichst vielen Menschen in kürzester Zeit einen Grund-Schutz gegen COVID-19 geben.

„Die erste Impfdosis für so viele Menschen wie möglich zu priorisieren, schützt die größte Zahl von Menschen in der kürzest möglichen Zeit und hat deshalb auch den größten Einfluss auf das Verhindern von Todesfällen, schweren Krankheitsverläufen und Klinikeinlieferungen“, erklärte der britische Gesundheitsdienst NHS in einer Stellungnahme. „Praktisch heißt das, dass die zweite Impfstoffdosis am Ende des empfohlenen Impfschemas von bis zu zwölf Wochen gegeben wird.“

Der Grund für diese Entscheidung: In Großbritannien breitet sich seit Wochen eine neue, noch ansteckendere Variante von COVID-19 aus. Die Krankenhäuser in London sind jetzt bereits am Rande ihrer Kapazitäten angekommen. Viele Wissenschaftler unterstützen deshalb die neue Impfstrategie.

In Großbritannien sind die Anti-Corona-Impfstoffe der Hersteller Biontech/Pfizer und Astrazeneca bereits zugelassen. Doch Pfizer sprach bereits eine Warnung aus, dass man keine Daten habe, ob die erste Impfdosis nach 21 Tagen noch wirksam sei. Man habe zwar festgestellt, dass schon 12 Tage nach der ersten Impfung ein gewisser Schutz bestehe, da in der Studie aber nach drei Wochen die zweite Impfdosis verabreicht wurde, könne man nicht garantieren, was passiert, wenn diese ausgelassen bzw. zeitlich verschoben wird.

Niemand weiß also, ob die einmalig geimpften Personen tatsächlich 12 Wochen lang vor einem schweren COVID-19-Verlauf geschützt sind. Die britischen Behörden wagen damit also ein großes Experiment.

Viele Experten im In- und Ausland unterstützen die Entscheidung der Briten, darunter der Bonner Virologe Hendrik Streeck und der Berliner Charité-Impfstoffforscher Leif-Erik Sander. „Die Inkaufnahme eines eventuell verlängerten Intervalls bis zur zweiten Impfung ist zumindest für die mRNA-Impfstoffe aus meiner Sicht unbedenklich, da die Impfungen in den Studien schon etwa zehn Tage nach der ersten Injektion einen sehr hohen Schutz gegen COVID-19 zeigten“, sagt Sander.

Gegen den britischen Ansatz sprach sich unter anderem der US-Immunologe Anthony Fauci aus. Er verwies darauf, dass der Hersteller den optimalen Zeitpunkt für die zweite Impfung in klinischen Studien geprüft habe.

Deutschland richtet sich bislang nach den Vorgaben der europäischen Arzneimittel-Zulassungsbehörde EMA. Die EMA lehnt die sogenannte „Off-Label-Anwendung“ entgegen der Hersteller-Empfehlungen ab, „da es zurzeit keine Daten gibt, die einen Schutz nach der ersten Dosis über zwei bis drei Wochen hinaus zeigen“.