Covid-19: „Geheilte“ leiden unter heftigen Folge-Beschwerden

Nach einem halben Jahr Pandemie zeichnet sich für britische Forscher ab: Jeder zehnte Corona-Erkrankte leidet unter rätselhaften Langzeit-Beschwerden.

„Die Leute denken: Entweder man stirbt, oder es geht einem wieder gut. So ist das aber nicht“, zitiert das Nachrichten-Magazin „SPIEGEL“ die britische Medizinerin Helen Salisbury. Die Forscherin an der Oxford Universität beobachtete, dass einer von zehn Covid-19-Patienten verschiedene Langzeitsymptome entwickelt. Viele ihrer Patienten zeigten im Röntgen und im Blutbild schon lange keine beunruhigenden Werte mehr, fühlten sich aber auch Wochen nach der augenscheinlichen Genesung noch krank. Im „British Medical Journal“ beschrieb sie Symptome wie Kurzatmigkeit, chronischen Husten und ständige Erschöpfung.

Salisbury befürchtet, dass viele Menschen nach scheinbar überstandener Corona-Erkrankung „vielleicht dauerhaft krank bleiben“. Sie rechnet damit, dass die Gesundheitssysteme weltweit und im schlimmsten Fall nachhaltig mit zahlreichen Patienten belastet würden, die unter einem chronischen Erschöpfungssyndrom leiden. Die Medizinerin warnte davor, diese Symptomatik zu verkennen und zu unterschätzen. Medizinische Institutionen und Verantwortliche seien gefragt, betroffene Patienten frühzeitig zu identifizieren und zu unterstützen.

Auch der britische Forscher Timothy Spector beobachtet alarmierende Krankheitsverläufe. Er untersuchte in einer Studie für das Londoner King’s College mehr als 200.000 Patienten über mehrere Wochen. Auch Spector kam zu dem Schluss, dass jeder zehnte Patient länger als einen Monat unter verschiedensten Symptomen leide. Neben Erschöpfung und Atembeschwerden beobachtete er Fieber, Durchfall und Kopfschmerzen. Für ihn sei der Krankheitsverlauf nach wie vor „völlig unvorhersehbar“. Als ausgebildeter Rheumatologe kenne er sich mit schwierigen Krankheiten aus, sagte der Professor gegenüber dem „SPIEGEL“, „aber Covid-19 ist die merkwürdigste Krankheit, die ich kenne“.

In Deutschland melden Mediziner einiger Kliniken ebenfalls dauerhafte Krankheitsverläufe mit erschwerter Genesung. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sorgt sich vor allem um Langzeitschäden im Gehirn. Bei manchen Patienten wurden drastische neurologische Beschwerden nachgewiesen. Offenbar griffen die Viren das Gehirn an und hinterließen dort Enzephalopathien, also krankhafte Veränderungen im Nervensystem, erklärte Berlit. Diese könnten „Unruhe und Verwirrtheit“ auslösen oder die Gedächtnisleistung beeinflussen.

Eine Studie in den Niederlanden deckte außerdem auf, dass mehr als jeder dritte Intensivpatient im Verlauf der Covid-19-Akuterkrankung Blutgerinnsel ausgebildet hatte. Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Mediziner in Straßburg. Blugerinnsel können Thrombosen und Lungenembolien auslösen und sind damit lebensgefährlich. Untersuchungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) bestätigten diese Beobachtung. Sie untersuchten verstorbene Covid-19-Patienten und fanden dabei auffällig viele Beinvenenthrombosen und Lungenembolien.

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