Hitlergruß-Demonstrant eingeschleust? Falschmeldungen zu Chemnitz

In Chemnitz überschlugen sich die Ereignisse. Zuerst wurde ein Deutschkubaner von einem Migranten ermordet. Dann gab es Demonstration durch die AfD und Hooligans, bald eine Gegendemonstration. Im Netz kursieren unzählige Meldungen, die zur aufgeheizten Stimmung beitragen – darunter auch viele Falschmeldungen.

Chemnitz, 01.09.2018, 18:30 Uhr – Alle Augen sind auf die Stadt im Südwesten von Sachsen gerichtet. Die Polizei steht mit Bergpanzern bereit, Läden schlossen, manche Demonstranten sollen mit Steinen bewaffnet sein. Trotz allem verlaufen die Demonstrationen bis jetzt friedlich. Und das obwohl sich hier zugleich der AfD-Schweigemarsch, die rechtspopulistische Bewegung „Pro Chemnitz“ und die Gegendemonstranten der Aktion „Herz statt Hetze“ treffen. In der vergangenen Woche lief es nicht immer so friedlich ab. Oder doch? Der Focus hat fünf Falschmeldungen recherchiert:

Falschmeldung 1: Ein Demonstrant, der den Hitlergruß zeigt, sei eigentlich ein eingeschleuster Linker
Mehrere Demonstranten zeigten vor der Kamera und vor Polizisten den Hitler-Gruß. Unter einem Bericht von „Vice“ erschienen daraufhin verschiedene Kommentare, die dem abgebildeten Mann unterstellten, er sei gar kein echter Rechtsradikaler. Sondern ein „Schauspieler“ der Straftaten unter falscher Flagge begehe. Über seine Identität herrschen verschiedene Theorien: Er sei ein V-Mann, ein „Agent provocateur“ der linken Szene oder ein Punk. Der „Vice“-Reporter erklärte FOCUS online, man habe vor Ort mit dem Mann gesprochen und er zeigte in Verhalten und dem was er sagte, rechtsradikale Ansichten. Wer er wirklich war, wolle die Redaktion noch recherchieren.

Falschmeldung 2: Opfer habe Frau gegen Belästiger verteidigen wollen
Beim Chemnitzer Stadtfest am vergangenen Samstag wurde ein 35-jähriger Deutschkubaner erstochen. Unter dringendem Tatverdacht stehen ein Syrer und ein Iraker. Sie befinden sich in U-Haft. Im Internet kursieren Gerüchte, der erstochene Mann sei einer Frau zur Hilfe geeilt, die sexuell belästigt wurde. Die Polizei hat mitgeteilt, dass es „keinerlei Anhaltspunkte“ dafür gebe, dass vor der Tat eine Frau belästigt wurde.

Falschmeldung 3: Es habe ein zweites Todesopfer gegeben
Gerüchteweise soll es einen zweiten Toten im genanntem Vorfall gegeben haben, der von den Medien unterschlagen würde. Die Polizei dementierte dies mehrfach. Auf Twitter schrieb die zuständige Behörde: „Klarstellung! Entgegen anderslautender Gerüchte gibt es nach dem Zwischenfall Chemnitz keinen zweiten Todesfall.“

Falschmeldung 4: Ausländische Medien würfen der deutschen Presse mangelnde Neutralität vor
Ein Verband namens „European Press Watch“ soll angeblich die „einseitigen und irreführenden Berichterstattung“ in Deutschland beklagen. Laut FOCUS-Recherchen gibt es eine solche Organisation gar nicht.

Falschmeldung 5: Die Kanzlerin wolle Demonstrationen von der Bundespolizei unterdrücken lassen.
Anders als in einschlägigen Portalen dargestellt, sei es nichts Ungewöhnliches, dass die Bundespolizei die Landespolizei in Einzelfällen unterstützt. Die Bundeskanzlerin habe damit nichts zu tun, die Bundespolizei gehöre als Behörde zum Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums. Merkel könne also gar keinen „Marschbefehl“ geben, anders als in den genannten Texten behauptet. (FOCUS online)