Lira-Krise wird zum europäischen Problem

Die türkische Lira hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die Börse reagiert empfindlich, die Angst vor Zahlungsausfällen ist groß. Auch Europa ist betroffen und die EZB ist alarmiert.

Lange Zeit wurde die Lira-Krise von Europa aus müde belächelt. Ein lokales Ereignis, um das man sich in Brüssel nicht sorgen wollte. Das ändert sich jetzt. Seit Jahresanfang hat die türkische Währung mehr als 36 Prozent Werteverlust erfahren. Der dramatische Ausverkauf der türkischen Lira befeuert die Angst vor Zahlungsausfällen bei türkischen Banken. Immer mehr türkische Unternehmen und Banken können ihre Verpflichtungen nicht mehr leisten. Deshalb müssen auch europäische Gläubiger mit Verlusten rechnen, was manche Geldgeber in die Bredouille bringen könnte.

Am heutige Freitag zeigen sich bereits Auswirkungen auf den Euro. Dieser verliert seit heute an Wert. Erstmals seit Juli rutscht die Europäische Gemeinschaftswährung unter die Marke von 1,15 Dollar. Deswegen prüft die EZB nun, inwiefern europäische Unternehmen von der türkischen Währungskrise betroffen sind. Der türkische Schuldenberg bei ausländischen Banken beläuft sich auf rund 223 Milliarden Dollar (knapp 194 Milliarden Euro).

Laut WELT-Berechnungen trägt Spanien einen großen Anteil dieses Schuldenbergs. 71 Milliarden Euro sollen gefährdet sein. Frankreich müsse um 30 Milliarden Euro fürchten, Deutschland immerhin noch um 11 Milliarden Euro. „Die Türkei steckt in großen Schwierigkeiten. Nach einem kreditgetriebenen Boom weisen der Anstieg der Inflation und der dramatische Währungsverfall in 2018 darauf hin, dass das Land nun Gefahr läuft, auf eine Pleite zuzusteuern“, sagt Carsten Hesse, Ökonom der Berenberg Bank der WELT. „Neben den auf der Hand liegenden Risiken für die Türkei selbst, wirft das die Frage auf, wie stark die Eurozone davon beeinträchtigt würde.”

Der Türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan sieht das Hauptproblem bei den USA. Er glaubt, das Tief der Lira sei maßgeblich durch eine Verschwörung der Amerikaner beeinflusst. Erdoğan empfiehlt seinen Landsleuten, sich keine Sorgen zu machen und in den Glauben zu vertrauen: „Vergesst nicht, wenn sie ihre Dollars haben, dann haben wir unser Volk, unseren Gott“ und ergänzt, „Wir arbeiten hart. Schaut auf das, was wir vor 16 Jahren waren, und schaut heute auf uns.“

Von europäischer Seite wird diese Haltung mit Skepsis beobachtet: „Die angespannte Situation könnte durch ein beherztes Vorgehen der türkischen Notenbank abgemildert werden“, kommentierte Ökonom Thomas Gitzel von der VP Bank die Lage in n-tv. „Nötig wäre eine kräftige Zinserhöhung, die zu erkennen gäbe, dass die Währungshüter am Bosporus gewillt sind, dem Verfall der heimischen Währung nicht tatenlos zuzusehen. Doch genau hierbei mangelte es in den vergangenen Tagen und Wochen.“